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Reformationsstadt Bardejov

Slowakei

Bardejov

Die lutherische Hauptstadt der Slowakei

Bardejov (deutsch: Bartfeld, ungarisch: Bártfa, polnisch: Bardiów) liegt in der Ostslowakei, unweit der Grenze nach Polen. Der historische Stadtkern wird zum Weltkulturerbe der UNESCO gezählt.
Die frühmittelalterliche slawische Siedlung entwickelte sich im 13. Jahrhundert zur Stadt, nachdem deutsche Siedler eingezogen waren. Im 15. Jahrhundert zur königlichen Freistadt erhoben, gelangte Bartfeld im Jahrhundert danach als Handelsmetropole zu Reichtum.
Anfang des 16. Jahrhunderts wurde Bardejov zum Bündnispartner in der Pentapolina, einem weitgehend deutsch geprägten Bund der fünf königlichen Freistädte, zu dem neben Bardejov Kaschau, Leutschau, Preschau und Zeben zählten. Diese Städte bildeten eine Region aus Handel und Bergbau von großer wirtschaftlicher Kraft und Prosperitätsgewinnen, was vor allem auch daran sichtbar wurde, dass viel Geld und Energie in die Errichtung kommunaler und kirchlicher Bauten investiert wurde.
Die königlichen Freistädte im Grenzgebiet zu Polen bauten Beziehungen zu den oberdeutschen Welthandelsplätzen aus und kontrollierten den Transithandel von Ost nach West. Eine zentrale Rolle nahm dabei Krakau ein. Am Vorabend der Reformation waren diese Städte Zentren, in denen es zu einer intensiven Symbiose aus Wissenschaft, bildungsbeflissener Frömmigkeit und Kunsttätigkeit kam. Intellektuelle Aufgeschlossenheit und frommes christliches Engagement der Bürger verbanden sich mit Wirtschaftskraft und politischer Autonomie, die den Städten Spielräume für selbständiges Handeln auch in religiösen Fragen boten.
Mit dem gleichen Eifer, mit dem die kommunalen und kirchlichen Bauten errichtet wurden, eröffnete man in den königlichen Freistädten auch Stadtschulen. An ihre Spitze beriefen die Magistrate nicht selten humanistische Lehrer aus Krakau. So übernahm in Bartfeld 1517 der aus Lindau am Bodensee stammende Dichter und Professor für Poetik der Krakauer Universität Valentin Eck (1494-1556) die Leitung der Stadtschule. Eck war ein Schüler von Johann Agricola (um 1492-1566). Er führte in der Schule humanistische Unterrichtsmethoden ein. Als hochgeschätzter Lehrer avancierte er in der Stadt sogar zum Notar, Ratsherr und schließlich zum Oberrichter.
In der Reformationsbewegung der fünf königlichen Freistädte spielte das ethnisch gemischte Bartfeld eine zentrale Rolle. Die deutschen Kaufleute stellten dort die finanzkräftige, führende Schicht. Daneben lebte neben Ungarn und Polen eine große Zahl an Slowaken. Die Stadt war durch den Handel mit Leinengewebe zu Wohlstand gekommen. Nicht nur Bartfelds humanistische Schulmeister, auch die ersten lutherischen Prediger kamen aus dem nahen Krakau. Der in Kaschau geborenen Wolfgang Schustel (+1553), der in Krakau studiert hatte und in Bartfeld 1523 zum Kaplan ernannt wurde, war ein Befürworter der Reformation. Er wandte sich an die Bürger der Stadt mit der Aufforderung, Lehre und Praxis der Kirche zu erneuern, konnte sich aber gegenüber einem zögerlichen Magistrat nicht durchsetzen. Schustel verließ daraufhin die von ihm als wankelmütig bezeichnete Stadt.
An seiner Stelle wurde ein gemäßigter Befürworter der Reformation, der aus Kroatien stammende Prädikant Michael Radasin (1510? – 1566), berufen. Nach dem Studium in Wittenberg war er in Niederösterreich, Preßburg und Neusohl tätig, bevor er auf den Rat des Schulrektors Leonard Stöckel (um 1510-1560) nach Bartfeld berufen wurde. Die erfolgreiche Partnerschaft der beiden half der Reformation in Bartfeld und schließlich auch in den fünf königlichen Städten zum Durchbruch. Radasin nahm sogleich die Neuordnung des kirchlichen Lebens in der Stadt in Angriff.
Radasin wurde 1546 von der Synode des Klerus und der Stadträte der fünf königlichen Freistädte zum Senior der Kirchen dieser Städte gewählt. Drei Jahre danach, 1549, führte er den Vorsitz auf der Synode in Preschau, die das von Stöckel eingebrachte lutherische Glaubensbekenntnis der fünf königlichen Freistädte, die Confessio Pentapolitana, annahm. Nachdem dieses Bekenntnis die gewünschte königliche und erzbischöfliche Genehmigung erhalten hatte, genossen die fünf königlichen Städte Religionsfreiheit für ihre an Luther und Melanchthon orientierte Neugestaltung der Kirche.
Leonard Stöckel hatte nicht nur wichtigen Anteil an der Ausrichtung der lutherischen Theologie im Nordosten der Slowakei, er gab auch wegweisende Impulse für die Reformierung des Schulwesens im Lande. Aus dem engen Anschluss an das Unterrichtsmodell, das Philipp Melanchthon entworfen hatte, wurde die Stadtschule reformiert. Stöckels Programm stellte eine Synthese zwischen humanistisch-pädagogischen Bildungszielen und lutherischer Glaubenslehre dar und legte einen besonderen Akzent auf Wissen und Frömmigkeit.
Zum hervorragendsten Vertreter der slowakischen Reformation in der zweiten Jahrhunderthälfte wurde Severin Scultetus (1550-1600). Er wirkte ab 1591 in Bartfeld als Rektor und Stadtpfarrer. Zwei Jahre später wurde er zum Senior der fünf königlichen Freistädte gewählt und avancierte damit zu einer Leitfigur der strengen Lutheraner in den Theologischen Debatten, die seit den 1580er Jahren in den Regionen dieser Städte ausgebrochen waren und deren Fronten und Konflikte sich seitdem unablässig änderten. In diesen Auseinandersetzungen vertrat Scultetus einen strikt lutherischen Standpunkt. Dabei bemühte er sich jedoch auch um die Einheit der Protestanten und die Sicherung des religiösen Friedens. Um die Verbreitung des Luthertums unter den Slowaken erwarb er sich bleibende Verdienste.

MD. Boris Hanuščak

Bürgermeister, Bardejov

Links

Stadt Bardejov: www.bardejov.sk
Evanjelická Cirkev augsburského vyznania na Slovensku: www.evangelische.sk