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Reformationsstadt Chur

Schweiz

Chur

Ein besonderes Zusammenspiel von Religion und Politik – bis heute

Die Hauptstadt des Kantons Graubünden liegt am Alpenrhein und bezeichnet sich als älteste Stadt der heutigen Schweiz. Schließlich war dies Gebiet schon in der Altsteinzeit besiedelt. Dabei gehört Chur erst seit 1803 der Schweizerischen Eidgenossenschaft an.
Die Reformation nahm in Chur auch einen anderen Verlauf als in der Eidgenossenschaft. Träger der Reformation waren in der Region um Chur nicht starke städtische Räte und Zünfte, sondern einfache Kirchgemeinden, die mehr Selbständigkeit erlangen wollten. Bereits im 15. Jahrhundert wehrten sich viele Gemeinden gegen die weltliche Herrschaft des Fürstbischofs von Chur, der ohnehin über Jahrzehnte nicht in der Stadt residierte. Sie erkämpften sich die Autonomie der Kirchgemeinden und schlossen sich zum Freistaat der Drei Bünde zusammen.
1523 wurde Johannes Comander (1484-1557) als Pfarrer an die Hauptkirche St. Martin in Chur berufen. Comander predigte im evangelischen Sinne und setzte innerhalb von vier Jahren die Reformation in der Stadt durch. Damit war die vollständige Emanzipation gegenüber dem Bischof vollzogen. Bis zu seinem Tod 1541 betrat Fürstbischof Paul Ziegler seine Residenz in Chur nicht mehr.
Comander verfasste 18 Artikel, die er auf der Illanzer Disputation verteidigte. In der Folge wurde den Gemeinden die freie Pfarrerwahl zugestanden und von den Geistlichen die Residenzpflicht eingefordert. Zur Bildung der Jugend verfasste er den ersten Bündner Katechismus und gründete eine Lateinschule im ehemaligen Churer Dominikanerkloster. 1529 wurde der Friedhof von der Martinskirche vor die Tore der Stadt in die »Scaletta« verlegt – auch eine Neuerung durch die Reformation. Das Erbe des Johannes Comander prägt bis heute die Evangelisch-reformierte Landeskirche Graubünden und die Kantonsverfassung. Er arbeitete die erste reformierte Kirchenverfassung aus und begründete 1537 die Bündner Synode, deren Vorsitzender er auch wurde. 1553 verfasste er mit Philipp Gallicus die »Confessio Raetica«, die ein verbindliches Glaubensbekenntnis mit einer Geschäftsordnung für die Bündner Synode und Regeln für die Lebensführung der Pfarrer verbindet. Bis heute ist eine Besonderheit der Kirche in Graubünden, dass Vertreter aus den Kirchgemeinden gemeinsam mit evangelischen Mitgliedern des Kantonsparlaments den Evangelischen Großen Rat bilden, der die Gesetze der Landeskirche bestimmt.
In der Altstadt von Chur lassen sich überall Zeugnisse der Reformationszeit entdecken: Gegenüber der spätgotischen Martinskirche, an der Comander gewirkt hat, befindet sich das Antistitum, der Amtssitz des Churer reformierten Hauptpfarrers. Nicht weit davon entfernt steht die gotische Regulakirche als zweite reformierte Altstadtkirche, an der Philipp Gallicus Pfarrer war. Das ehemalige Dominikanerkloster St. Nicolai beherbergt bis heute eine Schule. Als katholische Enklave blieb in Chur der »Hof« auch über die Reformationszeit hinaus bestehen. Da das Gebiet, auf dem die bischöfliche Kathedrale und das bischöfliche Schloss stehen, ein reichsunmittelbares Lehen war, blieb es als eigenständiges Territorium dem Einflussbereich der Stadt entzogen. So waren und sind in Chur Religion und Politik nie ganz zu trennen.

Bei der Einführung der Reformation in Graubünden spielte Chur mit seinem Pfarrer Johannes Comander eine entscheidende Rolle. Zugleich ist und war die Stadt seit über eineinhalb Jahrtausenden (katholischer) Bischofssitz. Ein anregendes, fruchtbares und zeitweise nicht reibungsloses Zusammenleben der Konfessionen prägt Chur bis heute und ist Teil der reichen Geschichte der Stadt im Herzen der Alpen. Urs Marti

Stadtpräsident, Chur

Links

Stadt Chur www.chur.ch
Tourismusbüro Chur www.churtourismus.ch
Evangelische Kirchgemeinde www.chur-reformiert.ch