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Guardia Piemontese

Italien

Guardia Piemontese

Wo noch heute okzitanisch gesprochen wird

Die Stadt Guardia Piemontese liegt im Süden Italiens an der malerischen Küste des Tyrrhenischen Meeres in Kalabrien. Wann der Ort gegründet wurde, ist nicht bekannt. Der Zusatz „Piemontese“ erinnert jedoch an die Zuwanderung okzitanisch sprechender Waldenser, die im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts im Piemont in den Cottischen Alpen blutig verfolgt und nach Kalabrien geflohen waren. Seitdem ist die Stadt Guardia Piemontese mit der Geschichte der Waldenser eng verbunden.
Die Geschichte der Waldenser fängt im 12. Jahrhundert in Lyon an, als die Anhänger des wohlhabenden Bürgers Valdes von Lyon (gestorben ca. 1205/18) öffentlich auftraten. Über Valdes ist nur wenig Sicheres überliefert. Nur so viel weiß man: Der reiche Mann aus Lyon scheint durch eine volkssprachliche Übersetzung der Evangelien zu einem Leben in der Nachfolge der Apostel bekehrt worden zu sein. Nach Versorgung seiner Frau und seiner beiden Töchter verteilte er seinen Besitz unter den Armen und begann in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt von einem Leben zu predigen, das seinen Wert im Verzicht auf Besitz und Gewalt hat. Auf dem III. Laterankonzil 1179 in Lyon soll er vergeblich um offizielle Predigterlaubnis gebeten haben. Dessen ungeachtet gewann Valdes rasch Anhänger und wurde zum Begründer einer Frömmigkeitsbewegung, die durch Wanderprediger rasch anwuchs. Diese „Armen von Lyon“ wurden wegen des Konflikts mit der Kirche 1184 exkommuniziert. Valdes war drei Jahre vorher aus Lyon ausgewiesen worden. Wohin er ging und auch, wann er starb, ist nicht überliefert.
Die neue Bewegung, die nicht über eine zentrale Organisation verfügte, nahm Anregungen von anderen Organisationen auf. Dadurch entstanden verschiedene, untereinander nicht verbundene Gruppierungen und Richtungen in Südfrankreich und Oberitalien. Zudem zwang die Einrichtung der Inquisition 1231 viele Waldenser zur Flucht oder drängte sie aus der Öffentlichkeit in den Untergrund. Von Ort zu Ort ziehende Prediger, die dem Gebot der Armut und Ehelosigkeit folgten, verkündeten ihre Botschaft in geheimen Versammlungen. Im Laufe des 13. Jahrhunderts begegnen Anhänger der Waldenser in Spanien und in Österreich, Anfang des 14. Jahrhunderts In Mitteldeutschland, der Mark Brandenburg und in Böhmen und im Laufe des 14. Jahrhunderts an verschiedenen Orten in Süddeutschland und in der Schweiz.
Schon ab Beginn des 14. Jahrhunderts hatten sich Waldenser in verschiedenen Orten in Kalabrien angesiedelt. Ab 1375 kamen in die 500 Meter über dem Meer gelegene Stadt Guardia Waldenser aus dem Piemont, die sich durch die Inquisition zur Flucht gezwungen sahen. Der zuständige Lehnsherr gewährte ihnen diese Zuflucht. Die Waldenser in Guardia Piemontese gaben sich als Überlebensstrategie lange Zeit äußerlich angepasst, ließen ihre Kinder taufen und nahmen regelmäßig an den Gottesdiensten, an Messe und Abendmahl, teil. Ihren Glauben lebten sie nicht öffentlich und nur im privaten Umfeld, seelsorgerlich betreut von waldensischen Wanderpredigern, die etwa alle zwei Jahre für wenige Tage zu Besuch kamen. So gestaltete sich das Zusammenleben mit der katholischen Bevölkerung über fast zwei Jahrhunderte hin konfliktfrei.
1532 hatten die Waldenser der Alpentäler auf der sogenannten Synode von Chanforan entschieden, dass aus der bisher kaum organisierten Bewegung eine Kirche werden sollte. Als sie sich in den darauffolgenden Jahren der Reformation in Genf anschlossen, da wandte sich auch die kalabresischen Waldenser mit der Bitte an Genf, Prediger zu entsenden. Daraufhin kam der Prediger Gian Luigi Pascale (um 1525-1560) nach Kalabrien, wo er unter anderen in Guardia Piemontese eine Kirche errichten ließ.
1560 rief Kardinal Michele Ghislieri, der spätere Papst Pius V., einen Kreuzzug gegen die Waldenser in Kalabrien aus. Aus Furcht vor Verfolgung zogen sich die Waldenser aus den umliegenden Ortschaften in die befestigte Stadt Guardia zurück. Hier kam es am 5. Juni 1561 zu einem Massaker, das die Schergen des Lehnsherrn ausführten, in dem 2000 Waldenser, darunter viele Frauen und Kinder, ermordet wurden. Die Überlebenden des Massenmords wurden gezwungen, sich zum katholischen Glauben zu bekennen. Traditionen aus dem Piemont, von den Waldensern nach Kalabrien gebracht, wie die okzitanische Sprache und manche Bräuche, sind jedoch durch die Jahrhunderte hindurch bis in die Gegenwart lebendig.
Am 5. Juni 2011, 450 Jahre nach dem Massaker von Guardia, wurde von der Waldenserkirche in der Stadt ein Museum und ein Kulturzentrum eröffnet. Heute arbeiten Waldenserkirche und Stadt in der Kulturarbeit eng zusammen. Zum 500. Jubiläum der Reformation sind zahlreiche ökumenische Veranstaltungen zusammen mit der örtlichen katholischen Gemeinde geplant.

Vincenzo Rochetti

Bürgermeister, Guardia Piemontese

Links

Stadt Guardia Piemontese: www.comune.guardiapiemontese.cs.it
Chiesa Evangelica Valdese: www.chiesavaldese.org