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Reformationsstadt Herborn

Deutschland

Herborn

Eine fast vergessene Hohe Schule reformierter Gelehrsamkeit

Die Fachwerkstadt Herborn liegt im Bundesland Hessen, nicht weit von Marburg und Dillenburg entfernt. Im 16. und 17. Jahrhundert erwarb sich die Stadt den Ruf großer reformierter Gelehrsamkeit.
Die Stadt Herborn gehörte in der Reformationszeit zur Grafschaft Nassau-Dillenburg. Während schon früh evangelisches Gedankengut aus Hessen über die Grenze nach Herborn gelangte, blieb Graf Wilhelm der Reiche von Nassau-Dillenburg (1487-1559) der Reformation gegenüber zurückhaltend. Innerhalb der politischen Streitigkeiten im Reich wollte er sich nicht festlegen. Doch in den 1530er Jahren führte er die Reformation in seiner Herrschaft ein. Sein Sohn Johann VI. (1536-1606) wandte sich durch den Einfluss niederländischer Reformierter (sein Bruder war Wilhelm von Oranien) dem Calvinismus zu, nahm die aus dem Kurfürstentum Sachsen vertriebenen Krypto-Calvinisten auf und plante die Errichtung einer reformierten Universität. Den reformierten Herborner Stadtpfarrer Gerhard Eobanus Geldenhauer, gen. Noviomagus, (1537-1614) ernannte er zum Superintendenten und ließ ihn das Kirchenwesen im calvinistischen Sinne umwandeln. So vollendete er in der Grafschaft die „Zweite Reformation“.
Als 1576 in der reformierten Kurpfalz das Luthertum wieder eingeführt wurde, witterte Graf Johann seine Chance. Mit der Universität Heidelberg verlor der deutsche Calvinismus seine Denkwerkstatt. Johann nahm den von dort vertriebenen reformierten Theologen Caspar Olevian (1536-1587) auf und beauftragte ihn damit in Herborn eine „Hohe Schule“ zu gründen. Olevian, der den Heidelberger Katechismus mitverfasst hatte, gelang es, auch Johannes Piscator (1546-1625) nach Herborn zu ziehen. Die beiden begannen, eine Vielzahl von Schriften zu veröffentlichen, wovon auch die neu gegründete Corvinsche Druckerei in Herborn profitierte. Als besonderes Glanzstück erschien dabei die sogenannte Piscator-Bibel. Es war die erste vollständige und eigenständige calvinistische Bibelübersetzung in deutscher Sprache. Sie war über Jahrhunderte im deutschen Calvinismus in Verwendung und galt im Kanton Bern sogar bis zum Ende des 18. Jahrhunderts als Staatsbibel.
Die Hohe Schule Herborn zog mehr und mehr Studenten an und wurde zu einer der wichtigsten calvinistischen Bildungsstätten in Europa. Die Weite dieser Bildung dokumentiert die von Johann Heinrich Alsted (1588-1638) verfasste siebenbändige »Encyclopaedia Cursus Philosophici«, welche alle damals bekannten Wissensgebiete erfasste und systematisierte. Auch Johann Amos Comenius (1592-1670), der spätere Bischof der Böhmischen Brüder und Vater der Pädagogik studierte von 1611-1613 bei Alstedt in Herborn und gilt als berühmtester Student der Hohen Schule.
1817 wurde die Hohe Schule Herborn geschlossen. Die Studenten des Herzogtums Nassau mussten nun an anderen Universitäten ihre Bildung erwerben. Die Pfarramtskandidaten des Herzogtums Nassau kamen anschließend jedoch an das aus der Hohen Schule hervorgegangene Theologische Seminar Herborn um ihre Ausbildung abzuschließen. Bis heute werden dort die Vikarinnen und Vikare der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau ausgebildet.
Das Kollegiengebäude der Hohen Schule beherbergt heute das Städtische Museum und ein Restaurant, der Großteil der Bibliothek der Hohen Schule ist weiterhin im Theologischen Seminar im Herborner Schloss untergebracht und auch die Gebäude der Corvinschen Druckerei sind immer noch vorhanden. In der Pfarrkirche finden sich die Grabplatten von Olevian und Piscator, sowie des Buchdruckers Christoph Corvin. Damit ist die europäische Weite der Reformierten des 16. und 17. Jahrhunderts bis heute in Herborn präsent.