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Reformationsstadt Herrnhut

Deutschland

Herrnhut

Eine Gemein(d)e von Welt

Die Stadt Herrnhut ist Gründungsort der Herrnhuter Brüdergemeine. Sie liegt im sächsischen Landkreis Görlitz in der Oberlausitz.
Die Wurzeln der Herrnhuter Brüdergemeine reichen zurück bis ins fünfzehnte Jahrhundert zur Gruppe der sogenannten Böhmisch-mährischen Brüder-Unität, die an die Anliegen der Reformbewegung um den böhmischen Reformator Jan Hus (um 1370-1415) anknüpfte. Charakteristisch für ihre Frömmigkeit war eine entschiedene Ablehnung der Gewalt, eine normative Geltung der Bibel und eine strenge Lebensführung. Diese Brüder-Unität, die im Laufe der eigenen Geschichte auch die Ideen der Reformation rezipierte, behauptete sich im Königtum Böhmen, bis ihre Mitglieder im Dreißigjährigen Krieg durch die Habsburger in die Emigration gezwungen wurden. Der Pädagoge Johann Amos Comenius (1592-1670), letzter Bischof der alten Brüder-Unität, verfasste im Exil mit seinen Schriften ihr literarisches Vermächtnis.
Einige wenige Mitglieder der alten Brüder-Unität hatten sich in Ostmähren erhalten. Dort vom Ort Fulneck aus zog im Mai 1722 unter der Führung des Zimmermanns Christian David eine Gruppe aus zwei Familien los ins evangelische Sachsen. Sie wollten den Repressalien im Habsburgerreich entgehen und sich auf dem zwischen Zittau und Löbau gelegenen Gut Berthelsdorf niederlassen, das dem Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700-1760) gehörte. Zinzendorf, der im Hallischen Waisenhaus unter August Hermann Francke (1663-1727) erzogen worden war, war wie David durch den Pietismus geprägt. Am Hutberg in der Oberlausitz gründeten sie die Kolonie Herrnhut. „Der Ort soll nicht nur unter der Hut des Herrn stehn, sondern auch wir sollen täglich auf des Herrn Hut stehn“, so Graf von Zinzendorf zur Namensgebung.
Herrnhut wurde sehr bald schon zum Zentrum einer expandierenden Erweckungsbewegung. Bis 1727 war die Kolonie auf 220 Personen angewachsen und zog Menschen aus allen Teilen Deutschlands an. Das Zusammenleben in der Gemeinschaft mit ihren Mitgliedern aus verschiedenen sozialen und konfessionellen Kontexten verlief anfangs nicht spannungs- und konfliktfrei. In dieser Situation gaben der Ortspfarrer Johann Andreas Rothe (1688-1758) und der Patronatsherr Zinzendorf wesentliche Innovationsimpulse zur Entwicklung der Organisationsform der erneuerten Herrnhuter Brüder-Unität mit den sogenannten Herrnhuter Statuten. Dabei avancierte Zinzendorf zur geistlichen Führungsgestalt, der seine Hauptaufgabe in der seelsorgerlichen Leitung der „Gemeine“ sah und dementsprechend die christliche Gemeinschaft nach seinen Vorstellungen organisierte.
Die eigentliche Geburtsstunde der Herrnhuter als ökumenische und konfessionsübergreifende Gemeinschaft wurde eine Abendmahlsfeier am 13. August 1727. Hier brach sich die Erkenntnis Bahn, durch Christus zu einer Gemeine verbunden zu sein. Ein intensives gottesdienstliches Leben, eine programmatische Umstrukturierung der Gemeinschaft nach seelsorgerlichen Gruppen, und zwar in nach Alter und Geschlecht gegliederten „Chören“, eine ethische Konzentration auf eine Heiligung des Lebens und eine gemeinsame Orientierung an der Bibel in der Erwartung, hier Antworten auf alle Lebens- und Heilsfragen zu finden, alles das wurde charakteristisch für die Frömmigkeitskultur dieser Gemeinschaft.
Trotz mancher Kritik an den Strukturen der sächsischen Landeskirche dachte Zinzendorf nie an einer Trennung von der Kirche, sondern sah Herrnhut als Kirche in der Kirche. Faktisch aber war in Herrnhut etwas Neues entstanden, nämlich eine aus verschiedenen kirchlichen Traditionen kommende, die Trennung durch Konfessionen überwindende und durch alternative Formen der Teilhabe und gottesdienstliches Leben zusammengehaltene „Gemeine“. Kern dieser „Gemeinidee“ war eine Konzentration der theologischen Vorstellungen auf eine Herzensfrömmigkeit, die auf der Liebe zu Christus beruht und der darin erfahrenen Gnade. Es war Zinzendorf, der in seinem theologischen Denken diese Vorstellung entwickelte und in seinen Reden und literarischen Beiträgen den gekreuzigten Heiland in den Mittelpunkt stellte. Das Symbol der Brüder-Unität ist darum das Lamm mit der Siegesfahne des Kreuzes, das nach biblischer Vorstellung für Jesus Christus und seinen Sieg über die Welt steht.
Das große Ziel sah Zinzendorf in der Weltmission, die sich besonders an die Menschen richtete, um die sich sonst niemand kümmerte. Sie begann mit der Aussendung von Missionaren zu den Sklaven auf den Westindischen Inseln und den Eskimos in Grönland 1732/33. Die Mission der Herrnhuter Brüdergemeine, die schließlich ein globales Netzwerk bildete, war eine der ersten im 18. Jahrhundert und zählte im 19. Jahrhundert zu den bedeutendsten protestantischen Missionsbewegungen.
Heute gehören der Evangelischen Brüder-Unität, die weltweit in Provinzen gegliedert ist, etwas über eine Million Mitglieder in 35 Ländern auf allen Kontinenten an. Die Direktion der Brüder-Unität in Deutschland verteilt sich neben Herrnhut auf die Standorte Zeist und Bad Boll. Die Stadt Herrnhut ist heute weltweit bekannt durch die Losungen – ein Andachtsbuch, das täglich zwei Bibelverse nebst einem Liedvers oder einem Gebet enthält – und durch die Produktion der Herrnhuter Sterne, die überall zur Advents- und Weihnachtszeit ihr Licht verbreiten.

Links

Stadt Herrhut: www.herrnhut.de
Komensky Gäste- und Tagungshaus: www.komensky.de
Evangelische Brüdergemeine Herrnhut: www.herrnhut.ebu.de
Evangelische Brüder-Unität Herrnhuter Brüdergemeine: www.ebu.de