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Reformationsstadt Lyon

Frankreich

Lyon

Valdes und Viret

Lyon liegt im Südosten Frankreichs und ist nach Paris und Marseille die drittgrößte Stadt des Landes. Die sehenswerte Altstadt und ein Teil der Halbinsel Lyon gehören zum Weltkulturerbe der UNESCO.
Die Rhônestadt kann auf eine lange christliche Geschichte zurückblicken. Hier entstand im zweiten Jahrhundert die erste christliche Gemeinde Galliens, deren Gründung mit dem aus Smyrna stammenden Kirchenvater Irenäus verbunden ist. Im Mittelalter war die Stadt zwar wirtschaftlich und politisch eher unbedeutend. Als Erzbistum jedoch erlangte sie im 11. Jahrhundert eine überregionale Bedeutung, nachdem der Erzbischof zum Primas Galliens ernannt worden war. Diese führende Stellung als Primas der katholischen Kirche von Frankreich hat der Erzbischof von Lyon noch heute inne.
Im 12. Jahrhundert traten in der Stadt die Waldenser, die Anhänger des wohlhabenden Bürgers Valdes von Lyon (gestorben ca. 1205/18), ins Licht der Geschichte. Sie zählen in der protestantischen Deutungsgeschichte der Reformation zu ihren „Vorläufern“. Über Valdes ist nur wenig Sicheres überliefert. Nur so viel weiß man: Der reiche Mann aus Lyon scheint durch eine volkssprachliche Übersetzung der Evangelien zu einem Leben in der Nachfolge der Apostel bekehrt worden zu sein. Nach Versorgung seiner Frau und seiner beiden Töchter verteilte er seinen Besitz unter den Armen und begann in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt zu predigen. Auf dem III. Laterankonzil 1179 in Lyon soll er vergeblich um offizielle Predigterlaubnis gebeten haben. Dessen ungeachtet gewann Valdes rasch Anhänger und wurde zum Begründer einer großen Frömmigkeitsbewegung: der Waldenser, die allerdings nach kurzem Bestehen bereits 1184 exkommuniziert wurde. Valdes war drei Jahre vorher aus Lyon ausgewiesen worden. Wohin er ging und auch, wann er starb, ist nicht überliefert.
Die nach ihm benannte Bewegung der Waldenser entwickelte sich trotz vieler Verfolgungen, die sie immer wieder im Laufe der Jahrhunderte erleiden musste, zu einer Kirche. Im 16. Jahrhundert schlossen sich die Waldenser, die haupsächlich in den Herzogtümern Savoyen und Piemont lebten, der Schweizer Reformation an. Die Waldenserkirche nennt sich daher selbst auch eine „vorreformatorische Kirche“. Ihre Mitglieder leben heute neben der Diasporakirche in Italien mit ca. 25.000 Mitgliedern, vorwiegend in Uruguay und Argentinien.
In Lyon allerdings gab es nach 1183 keine Waldenser mehr. Ende des 15. Jahrhunderts erlebte die Stadt durch die Seidenindustrie einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Niederlassung berühmter Drucker machte Lyon außerdem zu einem bedeutenden europäischen Zentrum des Buchdrucks. Mitte des 16. Jahrhunderts lebten in der Stadt mehr als 50.000 Einwohner. Damit zählte Lyon zu den großen Metropolen im Heiligen Römischen Reich.
Der Buchdruck sorgte für die Verbreitung humanistischen Gedankenguts in der Stadt und trug dann auch bereits seit Anfang der 1520er Jahre zur Weitergabe der Schriften Luthers bei. Dabei ist anzunehmen, dass eine Verbindung zwischen einer Hinwendung zur Reformation und den Kreisen reformgesinnter, an der Bibel orientierter Humanisten bestand. Da man leicht der Ketzerei bezichtigt werden konnte, waren öffentliche reformatorische Aktionen jedoch riskant. Fünf Studenten, die in Lausanne studiert hatten, und als Prediger in ihre Heimatstadt zurückkehrten, erlitten den Feuertod als Ketzer. Andere Parteigänger reformatorischer Überzeugungen flohen ins Exil.
Trotzdem wuchs der Protestantismus in Lyon nach und nach heran. Zunächst war es eine kleine Gruppe, die sich heimlich, meist zu nächtlicher Stunde versammelte. In den 1550er Jahren kamen andere hinzu. Bald entstanden organisierte Gemeinden. Wichtige Impulse erhielten sie aus Genf von Johannes Calvin. 1560 wurden öffentliche reformierte Gottesdienste zugelassen. Im ersten Religionskrieg 1562 nahmen die Hugenotten, wie die französischen Reformierten seit 1560 und dann besonders in der Zeit der Verfolgung genannt wurden, die Stadt militärisch ein. In der Folge wurde mit Unterstützung des Schweizerischen Reformators Pierre Viret das öffentliche und kirchliche Leben nach dem Modell des Stadtstaates Genf organisiert. 1564 wurde der Temple „Le Paradis“ (Paradieskirche) erbaut, der erste reformierte Kirchenbau, der drei Jahre später zu Beginn des zweiten Religionskrieges zerstört wurde.
Im Zuge der Religionskriege, in denen die Hugenotten und die Katholiken um die Vormachtstellung in Frankreich rangen, war die reformierte Herrschaft in Lyon jedoch nicht von Dauer. Die Koexistenz beider Konfessionen war brüchig. Die politische Partei der Hugenotten konnte ihre Stellung nicht länger behaupten. Nach Abriss des Temple de Paradis wurde der reformierte Gottesdienst in der Stadt verboten. Die Stadt geriet auf Dauer unter katholische Kontrolle. Nach der sogenannten Bartholomäusnacht 1572, in der in Paris tausende Hugenotten systematisch und kaltblütig ermordet wurden, kam es auch in Lyon zu Folgemassakern.
Die Eglise protestante unie à Lyon zählt heute zu den größeren Gemeinden in der evangelischen Kirche in Frankreich. Diese Eglise protestante unie de France ist Pfingsten 2013 aus der Union der Eglise Evangélique-Luthérienne de France (Evangelisch-Lutherische Kirche Frankreichs) und der Eglise Réformée de France (Reformierte Kirche Frankreichs) entstanden.

Gérard Collomb

maire, Lyon

Links

Stadt Lyon: www.lyon.fr
Tourismus: www.de.lyon-france.com
Eglise protestante unie à Lyon: www.protestants-lyon.org