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Reformationsstadt Memmingen

Deutschland

Memmingen

Die Paulskirche der Oberschwaben

Memmingen liegt an der Westgrenze des Bundeslandes Freistaat Bayern und gehört zum Bereich Oberschwaben. Die Altstadt zählt mit ihrem Ensemble aus Plätzen und Bürgerhäusern zu den reizvollsten Städten Süddeutschlands.
In der wirtschaftlich potenten Reichsstadt kam es im Laufe des Fünfzehnten Jahrhunderts zu sozialen und politischen Spannungen, die teilweise durch die Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation der niederen Zünfte, etwa die der Weber, verursacht waren. Hinzu kamen religiös-kirchliche Feindseligkeiten, deren Konfliktlinien quer durch alle Bevölkerungskreise liefen. Seit den zwanziger Jahren des sechzehnten Jahrhunderts verbanden sich diese religiös-sozialen Auseinandersetzungen mit der reformatorischen Bewegung.
Personeller Kristallisationspunkt der reformatorischen Entwicklung wurde der 1513 aus St Gallen nach Memmingen berufene Prediger Christoph Schappeler (1472-1551). Schappeler stand in engem Kontakt mit dem Zürcher Reformator Huldrych Zwingli. Zu seinem Kommunikationsnetz gehörten auch der radikale Kirchenkritiker Andreas Karstadt und der Täuferführer Balthasar Hubmaier. Schappeler nahm in seinen Predigten Partei für die Armen und geißelte kirchliche und politische Missstände. Gegen seine starke Anhängerschaft, die sich aus dem mittleren und gehobenen Bürgertum rekrutierte, konnten weder der Bischof von Augsburg, der Schappeler 1524 in den Bann tat, noch der Rat der Stadt ankommen.
Die Auseinandersetzungen eskalierten jedoch, als Schappeler in seine Predigten den Zehnten, eine Getreideabgabe von 10 % des Jahresertrags an die Stadt, als unbiblisch erklärte. Gleichwohl führte die Reformation zu raschen Veränderungen der kirchlichen Praxis. Am Vorabend des Nikolausfestes (5.12.1524) reichte Schappeler zum ersten Mal das Abendmahl mit Brot und Wein und wenig später kam es an Weihnachten zu tumultuarischen Szenen mit einem Bildersturm und Übergriffen, bei dem ein altgläubiger Pfarrer fast zu Tode geprügelt wurde. Daraufhin führte der Rat nach dem Zürcher Vorbild eine Disputation durch, in deren Ergebnis der Beschluss gefasst wurde, dass geistliche Amtspersonen und Laien rechtlich gleichgestellt wurden, das Abendmahl in beiderlei Gestalt eingeführt und der Kirchenzehnt als Einrichtung der Sozialfürsorge nur mehr erbeten und nicht mehr gefordert wurde.
Memmingen war jedoch nicht nur eine der ersten Reichstädte Süddeutschlands, in der sich zu Beginn des Jahres 1525 die Reformation durchsetzte, sondern hier verband sich wenige Monate danach der Bauernaufstand mit der reformatorischen Bewegung, im Zuge dessen die Stadt zum geografischen und logistischen Zentrum dieser Bewegung wurde. In Memmingen versammelten sich Delegierte der oberschwäbischen aufständischen Bauern. Man gab sich eine sogenannte Bundesordnung und richtete eine bäuerliche Kanzlei ein, wo gemeinsame Belange beraten und Verhandlungen mit dem Schwäbischen Bund, einem militärischen Bündnis aus Reichstädten und Fürsten, geführt wurden. Tagungsort war die Kammerzunftstube, im Volksmund „Paulskirche der Oberschwaben“ genannt in Anspielung den Tagungsort der Frankfurter Nationalversammlung, dem verfassungsgebenden Gremium der Deutschen Revolution von 1848.
Der Memminger Kürschnergeselle und Laienprediger Sebastian Lotzer verfasste im März 1525 die sogenannten „Zwölf Artikel“ der schwäbischen Bauernschaft, die zur wichtigsten Programmschrift der bäuerlichen Revolution wurde. Schappeler steuerte das Vorwort bei. Die Schrift, die zu den meistgedruckten Texten der Reformationszeit zählt, trug wesentlich dazu bei, dass sich die Forderungen der Bauern, bei denen sich reformatorische Anliegen mit wirtschaftlichen, politischen und sozialen Forderungen verbanden, anglichen. Ihre immense Wirkung bestand in einer breiten Solidarisierung der Bauern über die eigenen Landschaften hinweg, so dass der Bauernaufstand in Süddeutschland, im Elsass, in der Schweiz, in Tirol und Kärnten sowie in Thüringen weite Teile des Reiches ergriff.
Die „Paulskirche der Oberschwaben“ blieb freilich Episode. Im Juni 1525 besetzte das Heer des Schwäbischen Bundes die Stadt. Schappeler floh, seiner Hinrichtung zuvorkommend, nach St. Gallen. Die Niederlage der Bauern war vorher in den Aufstandsgebieten in blutigen Schlachten der Fürstenheere besiegelt worden.
Ungeachtet dessen schritt die Reformation in Memmingen voran. 1530 legte die Stadt auf dem Reichstag in Augsburg mit Straßburg, Konstanz und Lindau ein eigenes zwinglianisch geprägtes Bekenntnis vor, die „Confessio Tetrapolitana“. Damit distanzierte man sich – allerdings ohne nachhaltigen Erfolg – von den anderen Reichständen, die die „Confessio Augustana“ präsentierten. In den Folgejahren schwand der Einfluss der Reformation reformierter Prägung in der Stadt. Mit dem Beitritt zur Wittenberger Konkordie 1536 schloss sich Memmingen der lutherischen Konfession an.
Zum Evangelisch-lutherischen Dekanat in Memmingen zählen heute 20 Gemeinden. Außerdem gibt es auf dem Gebiet des Dekanats zwei evangelisch-reformierte Gemeinden, die zur Evangelisch-reformierten Kirche gehören.

Die Stadt Memmingen dankt für die Auszeichnung als „Reformationsstadt Europas“. Damit wird zu Recht der aktive Beitrag der ehemals freien Reichsstadt in der Reformation gewürdigt. Memmingen ist zudem Teil der deutschen Freiheitsgeschichte. Mit den Zwölf Bauernartikel wurden zum ersten Male auf deutschem Boden die auf göttlichem Wort beruhenden Menschrechte artikuliert. Dr. Ivo Holzinger

Oberbürgermeister

Links

Stadt Memmingen : www.memmingen.de
Tourismus: www.memmingen.de/tourismus
Evangelisch-Lutherisches Dekanat Memmingen: www.memmingen-evangelisch.de
Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern: www.bayern-evangelisch.de