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Reformationsstadt Mühlhausen

Deutschland

Mühlhausen

Luthers ungeliebte Brüder

Mühlhausen liegt an der Unstrut, einem Nebenfluss der Saale, im Nordwesten des Bundeslandes Thüringen.
Die freie Reichsstadt Mühlhausen gehörte im 15. Jahrhundert mit ihren zahlreichen Liegenschaften zu den größeren Städten im Reich. Für die wirtschaftliche Stellung der Stadt spielten Produktion und Handel mit Tuchen eine große Rolle. Die kirchliche Wirklichkeit wurde durch die Präsenz des Deutschen Ritterordens geprägt, der allein 11 Kirchen errichtete. Der Rat der Stadt dagegen konnte nur zwei Kapellen vorweisen.
50 Jahre später, zu Beginn der reformatorischen Bewegung 1523 in Mühlhausen, hatte sich das Bild jedoch gewandelt. Mangelnde Nachfrage der Tuchwaren und Veränderung der Handelswege hatten dazu geführt, dass die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt stagnierte. Eine zunehmende Unzufriedenheit, die in den konfliktbereiten Kreisen der Bürger zu finden war, mag deshalb ein Grund dafür gewesen sein, dass in Mühlhausen der Ruf nach einem Bruch mit den überkommenen kirchlichen und kommunalen Verhältnissen und der Ruf nach grundlegenden Veränderungen, auch im sozialen und politischen Bereich, eine größere Resonanz fand als anderswo.
Als Wortführer einer Forderung nach radikalen Reformen trat zuerst der ehemalige Zisterziensermönch Heinrich Pfeiffer (vor 1500 – 1525) auf, der 1523 aus Eichsfeld geflohen und in seine Heimatstadt zurückgekehrt war. Unter dem Eindruck seiner Kritik an Kirche und Mönchtum, am Adel und der Obrigkeit der Stadt bildete sich eine Bürgerbewegung, in der Ausschüsse gewählt wurden, die die Interessen gegenüber dem Rat der Stadt vertreten sollten. So wurde eine ganze Reihe an Forderungen formuliert, die neben manchen rechtlichen und finanziellen Punkten auch die Zulassung evangelischer Prediger und die freie Predigt des Evangeliums enthielten. Durch einen bewaffneten Aufstand wurde der Rat gezwungen, die Forderungen anzunehmen. Wenige Wochen später jedoch hatte der Rat die Oberhand wiedergewonnen und Heinrich Pfeiffer aus der Stadt ausgewiesen. Der kehrte allerdings schon bald darauf nach Mühlhausen zurück. Die Protestbewegung, die inzwischen breite Kreise der Bürger ergriffen hatte, ließ sich nun nicht mehr aufhalten und nahm teils auch gewalttätige Formen an. Es kam zu Übergriffen auf Geistliche des Deutschen Ordens und auf kirchliches Eigentum.
Im August 1524 kam Thomas Müntzer (um 1590 – 1525) nach Mühlhausen, nachdem er seine Anstellung als Pfarrer in der thüringischen Stadt Allstedt, auch unter dem Einfluss von Luthers Kritik an seinen Ideen, hatte aufgeben und von dort fliehen müssen. In der Reichsstadt suchte Müntzer den Anschluss an die opponierenden Bürgergruppen, um sie von seinem Reformmodell zu überzeugen. Er predigte einen „ewigen Bund“, dessen Ziel es war, ein allein am Wort Gottes ausgerichtetes Stadtregiment aufzurichten. Dazu verfassten er und Pfeiffer elf Artikel mit biblischer Begründung für die Wahl einer neuen Stadtregierung. Beide konnten sich jedoch nicht gegen den Rat in der Stadt halten und mussten im Oktober 1524 die Stadt verlassen.
Im Februar 1525 traf Müntzer nach Zwischenstationen in Nürnberg und Basel wieder in Mühlhausen ein, wo der vor ihm zurückgekehrte Pfeiffer unterdessen mit wachsenden Anhang dem Rat Zugeständnisse abgerungen hatte, etwa die freie Predigt des Wortes Gottes und die Auflösung der Klöster. Es kam zu Gewaltakten gegen Klöster. Die Situation eskalierte. Müntzer wurde zum Pfarrer an der Marienkirche bestellt. Der alte Rat wurde abgesetzt und ein „ewiger Rat“ gewählt, dem auch Müntzer und Pfeiffer angehörten. Mühlhausen erhielt eine demokratisch-theokratische Verfassung.
Im April 1525 wurde auch Thüringen zum Aufstandsgebiet der Bauern. Unter der Führung Müntzers kam Mühlhausen mit einem kleinen Aufgebot den Aufständischen auf dem Eichsfeld zu Hilfe. Man marschierte unter der von Müntzer entworfenen Fahne des ewigen Gottesbundes mit einem Regenbogen auf weißem Grund und der Aufschrift „Gottes Wort bleibt in Ewigkeit“ in der Erwartung eines endzeitlichen Sieges unter Gottes Eingreifen und der Errichtung eines Tausendjährigen Reiches der Freiheit und der Gerechtigkeit. Bei Frankenhausen wurde der Aufstand niedergeschlagen und Müntzer und Pfeiffer im Feldlager bei Mühlhausen am 27. Mai hingerichtet.
Die Stadt Mühlhausen verlor für Jahre den Reichsstatus, und die vollständige Einführung der Reformation gelang erst spät im Jahr 1557.
„Luthers ungeliebte Brüder – Alternative Reformkonzepte in Thüringen“ ist der Titel einer Ausstellung im Mühlhäuser Bauernkriegsmuseum Kornmarktkirche, in der u.a. an Müntzer und Pfeiffer als Repräsentanten einer „radikalen“ Reformation präsentiert werden.Sie stellten in dezidiert kritischer Distanz zu Luthers Reformationskonzept die bestehende Ordnung in Kirche und Gesellschaft tiefgreifend in Frage und versuchten eine an der Bibel orientierte antihierarchische Neugestaltung dieser Ordnung umzusetzen. In Mühlhausen zeigt sich das radikale Potential der Reformation.

Das Wirken Thomas Müntzers macht Mühlhausen zu einem der zentralen Orte der Reformation in Mitteldeutschland. Die Zeugnisse dieser weltbewegenden Epoche sind in unserer Stadt lebendig, beispielsweise die der Marienkirche, in der Müntzer predigte und die zugleich der höchste Kirchenbau Thüringens ist. Auch das Deutschen Bauernkriegsmuseum in der Kornmarktkirche und natürlich das historische Rathaus mit dem Reichsstädtischen Archiv bieten Geschichte zum Anfassen. Es ist bemerkenswert, dass Reformation in Mühlhausen sehr viel mehr bedeutete als lediglich Erneuerung der Kirche. Müntzer beabsichtigte auch einen gesellschaftlichen Wandel, der dem einfachen Volk eine Stimme verleihen sollte – und das mehr als 250 Jahre vor der Französischen Revolution.

Dr. Johannes Bruns

Oberbürgermeister

Links

Stadt Mühlhausen www.muehlhausen.de
Tourist Information www.muehlhausen.de
Evangelischer Kirchenkreis Mühlhausen www.kirchenkreis-muehlhausen.de
Evangelische Kirche in Mitteldeutschland: www.ekmd.de