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Reformationsstadt Prešov

Slowakei

Prešov

Heidelberg des Ostens

Prešov (deutsch historisch: Eperies, von 1939-1945 auch Preschau; ungarisch: Eperjes; polnisch: Preszòw) ist die drittgrößte Stadt der Slowakei und liegt im Zentrum der traditionellen Landschaft Šariš. Quer durch die Stadt verläuft der 49. Breitengrad.
In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts gegründet, wird diese Stadt nach dem Mongolensturm als „Eperies populus Saxonum“ nachgewiesen. Dier ersten deutschen Kolonisten siedelten sich südlich der slowakischen Marktsiedlung an. Sie kamen gleich nach dem Mongolensturm von 1241/42 auf Einladung des König Belá IV., um die entvölkerten Landstriche wieder zu beleben. Sie erhielten bereits zu dieser Zeit die Stadtrechte. Im 15. Jahrhundert zur königlichen Freistadt erhoben, gelangte Prešov, das an der wichtigen Handelsroute von Byzanz, über Belgrad nach Warschau lag, im Jahrhundert danach als Handelsmetropole zu Reichtum.
Anfang des 16. Jahrhunderts wurde Prešov zum Bündnispartner in der Pentapolina, einem weitgehend deutsch geprägten Bund der fünf königlichen Freistädte, zu dem neben Prešov Bartfeld, Kaschau, Leutschau und Zeben zählten. Diese Städte bildeten eine Region aus Handel und Bergbau von großer wirtschaftlicher Kraft und Prosperitätsgewinnen, was vor allem auch daran sichtbar wurde, dass viel Geld und Energie in die Errichtung kommunaler und kirchlicher Bauten investiert wurde.
Die königlichen Freistädte im Grenzgebiet zu Polen bauten Beziehungen zu den oberdeutschen Welthandelsplätzen aus und kontrollierten den Transithandel von Ost nach West. Eine zentrale Rolle nahm dabei Krakau ein. Am Vorabend der Reformation waren diese Städte Zentren, in denen es zu einer intensiven Symbiose aus Wissenschaft, bildungsbeflissener Frömmigkeit und Kunsttätigkeit kam. Intellektuelle Aufgeschlossenheit und frommes christliches Engagement der Bürger verbanden sich mit Wirtschaftskraft und politischer Autonomie, die den Städten Spielräume für selbständiges Handeln auch in religiösen Fragen boten.
Mit dem gleichen Eifer, mit dem die kommunalen und kirchlichen Bauten errichtet wurden, eröffnete man in den königlichen Freistädten auch Stadtschulen. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wirkte in Eperies Lorenz Wolff als Rektor. An seinem Testament aus dem Jahre 1519 wird ersichtlich, welche Lehrmaterialien in den Stadtschulen verwendet wurden. Wolff vermachte der Schule neben den traditionellen Schulbüchern vor allem auch Lehrbücher humanistischer Autoren. Sein Testament enthielt außerdem Bücher von Seneca und Plautus, deren Schauspiele er im Rathaus von Preschau aufführte. Wollfs Nachfolger, die in dem 1521 von einem italienischen Meister im Renaissancestil erbauten neuen Schulgebäude unterrichteten, waren dann bereits Anhänger der reformatorischen Ideen.
Denn die Reformationsbewegung hatte die Stadt schon in den 20er-Jahren des 16. Jahrhunderts ergriffen. 1531 galt die Stadt als evangelisch, ja als Zentrum des Luthertums in der ganzen Region. In dieses Jahr reichen die Anfänge des Kollegiums, das später als Collegium Scholasticum Eperiense weit über die Landesgrenzen hinaus Berühmtheit erlangte. 1546 und 1549 wurden hier Synoden der Kirche abgehalten, bei denen um die theologische Linie gerungen wurde und sich das lutherische Bekenntnis durchsetzte. Als sich in den dogmatischen Streitigkeiten herausstellte, dass der Pfarrer Matthias Lauterwald (1520-1555) eine reformierte Abendmahlstheologie vertrat, wurde er 1551 vom Rat der Stadt seines Amtes enthoben.
Dass die Stadt „Heidelberg des Ostens“ genannt wird, weist auf die alte Bildungstradition hin, denn das Kollegium von Prešov, das als Gegengewicht zur 1635 gegründeten katholischen Universität in Tyrnau/Trnava von den protestantischen Ständen 1667 ins Leben gerufen wurde, entwickelte sich zu einem kulturellen Zentrum des Landes und wies philosophische, theologische und juristische Studiengänge auf. Am Gebäude ist eine Gedenktafel für Jan Amos Comenius (1592-1670) angebracht, der für die Leitung der Schule kandidiert, aber aus konfessionellen Gründen vom Rat der Stadt abgelehnt wurde; in Sárospatak versuchte er, seine pädagogischen Ideen umzusetzen. Aber auch Theophrastus Paracelsus (1493-1541), Arzt und Philosoph, hielt sich in der Stadt auf, ein Zweig der Familie ließ sich hier nieder; ein Ignaz Paracelsus wurde einer der berühmtesten Mediziner Ungarns.
Die Stadt, eines der wichtigsten Gewerbe- und Handelszentren, zählte 1660 etwa 5.000 Einwohner, meist deutsche Händler und Kaufleute, slowakische Handwerker und ungarische Bürger und Adlige. Die meisten Stadtbewohner waren Lutheraner, die Zahl der Katholiken dagegen war gering, und noch geringer die der Calvinisten.
Ein Denkmal am Kollegium ist den Opfern des Blutgerichts gewidmet, das 1687 vom kaiserlichen General Antonio Caraffa (1646-1693) an 24 angesehenen protestantischen Bürgern und Adligen der Stadt nach schweren Folterungen vollzogen wurde. Als Papst Johannes Paul II. im Juli 1995 die Slowakei bereiste und die drei Kaschauer Märtyrer kanonisierte, unterbrach er seine Pilgerreise und besuchte er auch das Denkmal der „evangelischen Märtyrer“ und erwies diesen seine Reverenz.

Ing. Andrea Turčanová

Bürgermeisterin, Prešov

Links

Stadt Prešov:

Stadt Prešov: www.presov.sk

Evanjelická Cirkev augsburského vyznania na Slovensku: www.evangelische.sk