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Reformationsstadt Hermannstadt (Sibiu)

Rumänien

Sibiu/Hermannstadt

Einig im Bekennen

Hermannstadt liegt in Siebenbürgen, unweit der Südkarparten. Die fast 900 Jahre alte Stadt wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts von Siedlern gegründet, die aus der Rhein-Mosel-Gegend stammten. Sie trägt seit 1919 den offiziellen Namen „Sibiu“. Die historische Altstadt bildet ein geschlossenes mittelalterliches Ensemble. In Hermannstadt/Sibiu befindet sich seit 1864 der Sitz der Orthodoxen Metropolie Siebenbürgens und seit 1867 der Bischofssitz der Evangelischen Kirche A. B. in Siebenbürgen.
Im Mittelalter erlebte Hermannstadt einen wirtschaftlichen Aufschwung durch Handel und Handwerk. Auch war die Stadt das politische Zentrum der Siebenbürger Sachsen. Das Gebiet Siebenbürgens war vor der Reformation aus kirchenorganisatorischer Sicht zweigeteilt. Die ungarischen Amtsbezirke gehörten zum siebenbürgischen Bistum, während die Hermannstädter und Kronstädter Kapitel dem Graner Erzbistum zugeordnet waren. Diese kirchenorganisatorische Gliederung Siebenbürgens trug zu einer getrennten Entwicklung der Reformationsprozesse bei den Sachsen und Ungarn bei.
Bei der Ausbreitung der Reformation unter der den Sachsen spielte der Kronstädter Rektor Johannes Honterus (1498-1549) eine bedeutende Rolle. Er arbeitete 1543 eine Bekenntnisschrift der Stadt Kronstadt und des Burzenländer Kapitels aus. Als Modell diente ihm dabei die Reformationsordnung der Stadt Nürnberg, die er während seines Aufenthaltes dort 1529 kennengelernt hatte. In seiner Reformationsschrift vermied Honterus bewusst provozierende Äußerungen. Diese Zurückhaltung ist auf die doppelte Königswahl, zu der in Ungarn gekommen war, zurückzuführen. Sie hatte zu einer Verunsicherung in der sächsischen Gesellschaft geführt. In Siebenbürgen herrschte Szapolyai. Die Siebenbürger Sachsen waren dagegen auf der Seite des Habsburgers Ferdinand I.
Honterus wollte mit seiner Programmschrift zur Reformation die Einheit der Sachsen fördern. Er vermied jeden Angriff auf die kirchliche Obrigkeit. Dagegen kritisierte er die weltliche Herrschaft, die seiner Meinung nach ihre Aufgaben auf dem Gebiet der Schulbildung, der Armen- und Waisenfürsorge vernachlässigte. Daraufhin wurde der Statthalter Siebenbürgens hellhörig und lud Honterus zu einem Gespräch. Sein Reformationsbuch fand, nachdem es von Melanchthon in Wittenberg in Druck gegeben worden war, Verbreitung unter den Siebenbürger Sachsen. Auch die politische Führung in Siebenbürgen, die Nationsuniversität, bewertete die lutherische Reformation als mögliche Grundlage für die angestrebte Einheit. Daraufhin forderte der Hermannstädter Bürgermeister Peter Haller, der 1543 in seiner Stadt die Reformation eingeführt hatte, die sich zur Reformation bekennenden Städte Siebenbürgens zur Einheit auf.
1550 schließlich wurde die Kirchenordnung von der Nationsuniversität als verbindlich für die deutschen Siedlungen auf dem autonomen Gebiet der Sachsen deklariert. Auf diesem Wege ging die Einführung der Reformation in Siebenbürgen zügig und konfliktfrei vonstatten. Nachdem 1560 andere Bekenntnisse verboten worden waren, übernahm von da an das lutherische Bekenntnis auch die politische und kulturelle Funktion, die Identität der Siebenbürger Sachsen zu sichern.
1553 wurde Paul Wiener (um 1495-1554) auf der Synode der sächsischen Geistlichkeit zum Superintendenten, also faktisch zum Bischof gewählt. Wiener war 1548 nach Hermannstadt gekommen, im Jahr darauf als Prediger angestellt und 1552 zum Stadtpfarrer berufen worden. Wiener stammte ursprünglich aus dem Herzogtum Krain. Er hatte in Wien studiert und war 1520 Domherr in Laibach geworden. In den 30er Jahren entwickelte er Sympathien für die Reformation. Er lernte Primus Truber, den Reformator Sloweniens, kennen, der mit seinen Veröffentlichungen biblischer und katechetischer Texte in der slowenischen Sprache die Entstehung einer slowenischen Schriftsprache begründete.
1547 ließ der Laibacher Bischof Wiener verhaften, nachdem er erfahren hatte, dass Wiener heimlich geheiratet hatte und das Abendmahl mit Brot und Wein gefeiert hatte. Er wurde nach Wien gebracht, wo man ihn verhörte. Obwohl ihm der Feuertod als Ketzer drohte, wurde er, nachdem er an König Ferdinand appelliert hatte, überraschenderweise von diesem begnadigt, allerdings mit der Auflage, nach Siebenbürgen auszuwandern. So gelangte er 1548 nach Hermannstadt. Wiener starb 1554 an den Folgen der Pest, nachdem er gerade einmal gut ein Jahr das Bischofsamt verwaltet hatte. Trotzdem wird das Andenken an ihn heut in der lutherischen Kirche in Siebenbürgen lebendig gehalten und auch in Partnerschaften mit der slowenischen Kirche gepflegt.

Astrid Cora Fodor

Bürgermeisterin, Hermannstadt

Links

Stadt Sibiu: www.sibiu.ro
Tourismus: www.turism.sibiu.ro
Evangelische Kirche A.B. in Rumänien: www.evang.ro