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Reformationsstadt Torre Pellice

Italien

Torre Pellice

Die Welthauptstadt der Waldenser

Torre Pellice ist eine italienische Kleinstadt und Kommune im Piemont. Der Ort war das Zentrum der drei historischen Waldensertäler in den Cottischen Alpen westlich von Turin. In Torre Pellice tagt seit 1889 jedes Jahr in der „Casa Valdese“ die Waldensersynode. Außerdem wird dort in der Stiftung des Kulturzentrums der Waldenser das Interesse an der Geschichte lebendig gehalten und gepflegt.
Die Geschichte der Waldenser fängt im 12. Jahrhundert in Lyon an, als die Anhänger des wohlhabenden Bürgers Valdes von Lyon (gestorben ca. 1205/18) öffentlich auftraten. Über Valdes ist nur wenig Sicheres überliefert. Nur so viel weiß man: Der reiche Mann aus Lyon scheint durch eine volkssprachliche Übersetzung der Evangelien zu einem Leben in der Nachfolge der Apostel bekehrt worden zu sein. Nach Versorgung seiner Frau und seiner beiden Töchter verteilte er seinen Besitz unter den Armen und begann in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt von einem Leben zu predigen, das seinen Wert im Verzicht auf Besitz und Gewalt hat. Auf dem III. Laterankonzil 1179 in Lyon soll er vergeblich um offizielle Predigterlaubnis gebeten haben. Dessen ungeachtet gewann Valdes rasch Anhänger und wurde zum Begründer einer Frömmigkeitsbewegung, die durch Wanderprediger rasch anwuchs. Diese „Armen von Lyon“ wurden wegen des Konflikts mit der Kirche 1184 exkommuniziert. Valdes war drei Jahre vorher aus Lyon ausgewiesen worden. Wohin er ging und auch, wann er starb, ist nicht überliefert.
Die neue Bewegung, die nicht über eine zentrale Organisation verfügte, nahm Anregungen von anderen Organisationen auf. Dadurch entstanden verschiedene, untereinander nicht verbundene Gruppierungen und Richtungen in Südfrankreich und Oberitalien. Zudem zwang die Einrichtung der Inquisition 1231 viele Waldenser zur Flucht oder drängte sie aus der Öffentlichkeit in den Untergrund. Von Ort zu Ort ziehende Prediger, die dem Gebot der Armut und Ehelosigkeit folgten, verkündeten ihre Botschaft in geheimen Versammlungen. Im Laufe des 13. Jahrhunderts begegnen Anhänger der Waldenser in Spanien und in Österreich, Anfang des 14. Jahrhunderts In Mitteldeutschland, der Mark Brandenburg und in Böhmen und im Laufe des 14. Jahrhunderts an verschiedenen Orten in Süddeutschland und in der Schweiz.
Seit Ausgang des 13. Jahrhunderts zogen sich lombardische Waldenser zunehmend in die Täler der Cottischen Alpen zurück, wo sie Ende des 14. Jahrhunderts blutig verfolgt wurden und hundert Jahre danach erneut in einem Kreuzzug Opfer von Verfolgung wurden. Manche von ihnen flohen in die Region um Avignon, andere nach Kalabrien in Süditalien.
Anfang des 16. Jahrhunderts gab es größere Gemeinschaften der Waldenser noch in der Provence, in Kalabrien und vor allem in den nach Osten geöffneten Tälern der Cottischen Alpen. Hier erreichten sie Anfang der 1520er Jahre die neuen reformatorischen Ideen. Wenige Jahre später wurde eine Abordnung der Waldenser in die Schweiz entsandt, um sich über die Reformation zu informieren. 1532 fand ein Treffen in Chanforan im Angrognatal in Anwesenheit des Schweizer Reformators Guillaume Farel statt. Auf dieser „Synode von Chanforan“ wurde beschlossen, dass aus der bisher kaum organisierten Bewegung eine Kirche werden sollte, allerdings auch unter Preisgabe bis dahin geltender Grundsätze wie Armut und Ehelosigkeit der Prediger, Ablehnung des Eids und Teilnahme an weltlicher Herrschaft. In den folgenden Jahren näherten sie die Waldenser der drei Alpentäler der Schweizer Reformation an und gingen schließlich eine enge Verbindung mit der Genfer Reformation ein. Eine französische Bibelübersetzung wurde erstellt, die Genfer Kirchenordnung übernommen, ein erstes Kirchengebäude errichtet und mit von Genf ausgebildeten Pfarrern versorgt.
Dem Herzog von Savoyen leisteten die Waldenser 1561 erfolgreich Widerstand und ertrotzten sich begrenzte Duldung. Die Talgemeinden im Piemont waren im 17. Jahrhundert weiteren Verfolgungen, Unterdrückungen und Vertreibungen ausgesetzt. Hinzu kamen Unterdrückungsmaßnahmen des Herzogs von Savoyen. Zuflucht fanden die Waldenser damals in der Schweiz, in den hessischen Staaten, in Baden und Württemberg. Die blutige Verfolgung der Waldenser hatte unterdessen europaweit Proteste und Solidaritätsbekundungen ausgelöst. Finanzielle Unterstützungen kamen besonders aus den Niederlanden und England. Staatliche Repression und Vertreibung endete erst 1848 mit der Zuerkennung der Bürgerrechte.
Aus Spendenmitteln konnte in Torre Pellice eine Hochschule errichtet werden, die schließlich 1922 nach Rom verlegt wurde. Gemeinden in ganz Italien entstanden im Zuge sozial-diakonischer Einrichtung und Schulen. Dort bildet die reformierte, synodal-presbyterial verfasste „Chiesa Evangelica Valdese” eine gemeinsame Kirche mit den Methodisten, die durch ihr ökumenisches und soziales Engagement eine große Ausstrahlung in die Gesellschaft besitzt.

Marco Cogno

Bürgermeister, Torre Pellice

Links

Stadt und Kommune Torre Pellice : www.comune.torrepellice.to.it
Waldensermuseum: www.fondazionevaldese.org